Project Description

Näherkommen: Sofa Muud von Walter Knoll will als smarte, urbane, luftige Wohlfühlinsel verstanden werden, die sich den Begebenheiten wunderbar anpasst. Design: EOOS www.walterknoll.de Foto: Walter Knoll

Nach vielen Jahren von Stilmix, Vintage und freiem Farbenspiel zeichnet sich 2020 ein neuer Interior Trend ab. Es kehrt eine Art wohltuende Ruhe in die Wohnlandschaften ein. Aber nicht etwa langweilig. Ganz im Gegenteil.

Mit 2020 kommt vielleicht ein Jahrzehnt, in dem Uhren wieder langsamer gehen dürfen. Eine Zeit, in dem die Work-Life-Balance wirklich gelebt wird, in der der Überfluss dem Überdruss zum Opfer fällt und man mehr oder weniger mehr vom Weniger haben möchte. Ein Befreiungsschlag, der neue Kraft schöpfen lässt, die Besinnung auf das Wesentliche im Leben, ein Wiederfinden der Wurzeln, eigener Bedürfnisse, die Entdeckung von Sehnsüchten und Wünschen – dafür wird jetzt Platz gemacht.

Interior Trends 2020 setzen auf einen neue Schlichtheit.

Ankommen: Die elegante, weiche Silhouette von Loungechair Sveva von Flexform wirkt wie eine einladende Geste. Design: Carlo Colombo. www.flexform.it Foto: Flexform

Glücklich mit weniger

Während sich nun der Lebensraum nach außen hin ausdehnt, wird er in den Häusern immer kompakter. Damit geht eine gewisse Funktionalität einher, ebenso wie ein gewisses Maß an Verzicht. Besonders im urbanen Raum wird Wohnraum immer mehr zum Thema, auch Leistbarkeit rutscht in den Fokus. Damit liegen die Prioritäten ganz anders: Qualität geht vor Quantität, die Maßstäbe und Dimensionen kommen zurück auf ein gesundes Maß. Die Herausforderung ist, aus wenigen Quadratmetern das Maximum herauszuholen. Schlanke Möbel wie aus den Fünfziger Jahren finden vermehrt Einzug in die Mini-Appartements, Raumhöhen erlauben das Einziehen einer zweiten Ebene und Möbelstücke, die mehr können, als nur sie selbst sein, bekommen den Vorzug.

Der neue Interior Trend setzt auf einzelne Objekte anstatt überladende Einrichtungen.

Willkommen: Der Sessel Armadillo von Expormim aus geschältem Rattan mit weichen Kissen besticht durch seine Einfachheit. Design: MUT Design. www.expormim.com Foto: Mertxell Arjalaguer

Dabei spielt auch die unterschiedliche Skalierbarkeit, die auf die jeweilige aktuelle Situation reagiert, eine immer wichtigere Rolle. Dabei dürfen allerdings – trotz aller Einschränkungen – der Komfort und die Gemütlichkeit nicht auf der Strecke bleiben. Es ist jedoch nicht schwierig, diesen Forderungen nachzukommen: Armlehnstühle oder smarte Zweisitzer bilden schon die wichtige Grundeinheit, Sideboards, schlanke Beistelltische oder kleine Regale, die vielleicht als Raumteiler eingesetzt werden, machen den Lieblingsplatz komplett. Bei allem Verzicht darf dennoch dekoriert werden: Kissen, Vasen, Schalen, die auch im Alltag eingesetzt werden können, sind durchaus akzeptiert. Sie beleben die Szenerie und streichen die Persönlichkeit heraus.

Zusammenkommen: Den opulenten Tisch Intoto von Maxalto gibt es in drei Längen ab drei Metern und fünf attraktiven Farbvarianten. Design: Antonio Citterio www.bebitalia.com Foto: Maxalto

Schlank, nicht nur für den Bikini

Aber auch in den größeren Domizilen und Refugien ist das Motto der gesunden Dosis nicht nur ein geflügeltes Wort. Sich von Dingen befreien und durchatmen, das einzelne Stück – besonders bewusst und sorgfältig ausgewählt – wirken lassen, die Wohnbühne etwas Einzigartigem schenken als Ausdruck der eigenen Persönlichkeit – diese Art sich einzurichten, zieht immer mehr ins Privatleben ein. Ob ausladend oder kompakt, ist dabei gar nicht so sehr die Frage. Denn den einzelnen Möbelstücken wohnt eine wunderbare Leichtigkeit inne, bei der sich Auge, Geist und Seele entspannen können – „Weniger ist mehr“, wie schon Mies van der Rohe zu sagen pflegte. Das inkludiert auch, dass nach vielen Jahren des Vintage-Stils mit viel Deko und Accessoires alles einen Tick minimalistischer und aufgeräumter wird. Perfekt dafür sind und waren schon immer neutrale Grau-Töne, die Räume größer wirken lassen. Dazu der ausgeprägte Charakter des Singulären, Einzigartigen, Unikathaften, das den Blick fängt und den Räumen, welcher Bestimmung auch immer, eine exklusive Atmosphäre verleiht.

Vollkommen: Stuhl Archetto von Misuraemme mit großzügiger Sitzschale verführt in Leder oder mit abnehmbarem Stoffbezug. Design: Mauro Lipparini www.misuraemme.it Foto: Misuraemme

Die Vielfalt des Einfachen

Einher geht der Interior Trend 2020 also auch mit einem bestimmten Farbspektrum. Neben dem Klassiker Grau sind einerseits im warmen Bereich sämtliche Brauntöne in Form von Holz und Leder angesiedelt, andererseits werden aber auch im kühleren Bereich zahlreiche Varianten von Blau inszeniert. „Classic Blue“ ist die Pantone Farbe des Jahres 2020. Sie dominiert bei Glas, Metall, Textil und Keramik. Und sie steht auch für unseren blauen Planeten und dafür ihn unter allen Umständen zu erhalten. Beide Farbspektren lassen sich wunderbar miteinander kombinieren. Sie geben gemeinsam ein von der Natur inspiriertes Szenario wieder. Die Formen kehren parallel dazu zu einer gewissen Ordnung zurück: Geometrische Linien sind wieder im Kommen, Verzierungen dagegen werden seltener. Alles zusammen macht Sinn, denn Neues kann nur entstehen, wenn Raum dafür geschaffen wird. Jetzt ist die Zeit vielleicht reif dafür.

Langweilig ist der Interior Trend 2020 mit seiner Schlichtheit nicht. Einzelne Möbelstücke prägen den Raum.

Näherkommen: Die sehr skandinavisch angehauchte Kollektion Fly von & Tradition mutet fast schon ein wenig skulptural an. Design: Space Copenhagen www.andtradition.com Foto: &Tradition

München | Ausgabe 51 | Frühling 2020
Text: Barbara Jahn