Projektbeschreibung

Wien | Ausgabe 20 | Herbst 2017

Die Vienna Design Week startet in eine neue Dekade. Welche Schwerpunkte kann das Publikum heuer erwarten? Gibst Du uns bitte erste Einblicke?

Die Vienna Design Week unterliegt einem steten Wandel: Jedes Jahr ist alles anders, bedingt durch den Ortswechsel und das neue Gastland, durch die unterschiedlichen Projekte mit neuen Menschen und Unternehmen. Das Festival bietet die Möglichkeit, viel unmittelbarer auf diese stets neuen Umstände zu reagieren. Wir möchten Effekte erzeugen, die einen langen Nachhall haben. Zumeist werden die Projekte in den Monaten vor dem Festival, beim Festival einer Öffentlichkeit vorgestellt, und gehen danach aber weiter ihren Weg. Dieser Nachhaltigkeitsanspruch ist uns sehr wichtig. Projekte erleben einen Meilenstein und werden fortgesetzt.

Ein weiterer Schwerpunkt ist unsere Rolle, dass einander die richtigen Leute begegnen: Designer, Journalisten, Unternehmen, internationale Gäste, die Stadt… Auch diese Begegnungen haben Langzeiteffekte. Letztes Jahr haben wir dazu eine Studie in Auftrag gegeben, die belegt, wie relevant die wirtschaftlichen Effekte unseres Festivals und dieser Begegnungen auf unserer Plattform wirklich sind! Inhaltlich freuen wir uns in diesem Jahr sehr über die rege Beteiligung der Büromöbel-Szene. Das Labor hat heuer die Illustration zum Thema, wo wir österreichische und rumänische Illustratoren vorstellen, die eine Fortsetzungsgeschichte erarbeiten. Der Teamwork-Gedanke kommt zu tragen, wobei trotzdem der Respekt vor dem individuellen Moment gewahrt bleibt. Das wird spannend!

Verändert Ihr Euer bewährtes Format? Setzt Ihr neue Impulse?

Die Formate bilden sich im Wesentlichen durch den aktiven Design-Diskurs. Wir justieren jedes Jahr ein bisschen. Die Impulse kommen zudem auch von außen, durch das Programm, das andere zum Festival beitragen. Wir sind die Plattform dafür.

Eines Deiner Ziele war/ist, dass das Festival ein neues Bewusstsein für Design fördern soll. Habt Ihr eine Veränderung der Wahrnehmung in dem erwünschten Ausmaß erreicht?

Nein. Es hat sich viel getan, das freut uns natürlich. Das Festival wird als wichtig, als Treiber empfunden, als relevante Plattform wahr genommen. Wir sind aber bei weitem noch nicht angekommen, die Bandbreite an Möglichkeiten ist riesig.
Vor allem die Unabdingbarkeit, Designschaffende in die unternehmerische Produktplanung zu integrieren, wurde noch nicht ausreichend erkannt.

Wie steht es mit der Wertschätzung der Wirtschaft? Einige Unternehmen leben Design und sehen die Unterstützung als fixen Bestandteil ihrer Politik. Andere zeigen sich überhaupt nicht aufgeschlossen. Zudem überlegen sich die Unternehmen in Zeiten wie diesen jede Ausgabe. Könnt Ihr Euch trotzdem auf deren Unterstützung verlassen bzw. diese ausbauen?

Leider ist die Bereitschaft zu Sponsoring seit Beginn der Wirtschaftskrise auf einem niedrigen Niveau geblieben, obwohl sich die Wirtschaft wieder erholt. Wenn Sponsorgelder nur in soziale Bereiche fließen, sehen wir das als gefährliche Entwicklung für die gesamten Kultur- und Bildungsszene. Wir sind eine Kulturnation auf hohem Niveau. Diese kann nur weiterhin so hoch gehalten werden, so sich auch Private, Unternehmen und auch die private Bürgerschaft, engagieren. Die öffentliche Hand ist ein starker Partner, trotzdem müssen Initiativen wie die Vienna Design Week unabhängig bleiben. Unsere Gelder setzen sich daher genau zur Hälfte aus privater Unterstützung und öffentlichen Förderungen zusammen.

Öfters tauchen Stimmen auf, dass die Wirtschaft gern auf junge Designer zurückgreift, um sich eine firmeninterne Produktentwicklung zu ersparen. Siehst Du das trotzdem als Chance für die junge Designszene oder werden diese ausgenutzt?

Es ist einfach die falscheste Strategie, mit den unerfahrensten Leuten zu arbeiten. Man geht auch nicht zum Jungarzt, der gerade erst seinen Turnus hinter sich gebracht hat, sondern wählt einen erfahreneren Arzt. Unter den richtigen Rahmenbedingungen ist es aber natürlich eine Chance für die Jungdesigner. Wir sehen uns hier als Moderator, die richtigen Leute zusammen zu bringen.

Der Austausch zwischen Wirtschaft und Design auf den Passionswegen schafft positive Spannung auf beiden Seiten. Was ist dabei Eure Rolle? Der Kontakt oder greift Ihr dann auch inhaltlich ein?

Konkret bei den Passionswegen sind wir Auftraggeber und Finanzierer. Wir stellen das Team zusammen und kuratieren das Projekt, dh. wir geben schon sehr viel vor und betreuen dann auch intensiv. Zum Teil haben unsere Partner-Unternehmen noch nie mit Design zu tun gehabt, wir führen sie an den Prozess heran. Ganz bewusst setzen wir kleine Initiativen, aus denen man dann auch wirklich lernt. Aus diesen entsteht dann evtl. der Mut zu Innovationssprüngen oder zur Internationalisierung, also zu Größerem.

Bleiben wir bei der Wirtschaft…ist es auch ein Anspruch der Vienna Design Week, den Designschaffenden einen unternehmerischen Zugang zu eröffnen, sodass Ihnen mehr KnowHow für ihre unternehmerischen Belangen zuteil wird?

Dafür gibt es Partner wie die Wirtschaftsagentur Wien und die Förderbank des Bundes. Wesentliche Institutionen für genau diese Thematik. Wir können nur mit vereinten Kräften darauf hinweisen, wie wichtig es ist, von Anfang an in allen Bereichen professionell aufgestellt zu sein.

Das Festival hat nachhaltige Effekte auf die Stadt mit ihrer lokalen Szene. In wie weit prägt Design die Stadt und das gesellschaftliche Leben? Konnte sich Wien international eine Reputation als Design-Standort erarbeiten? Wien steht ja vor allem international eher für andere Stärken…

Das Festival hat vor allem auch internationale Effekte, allein schon durch die Zusammenarbeit mit internationalen Leuten. Wien wird nach wie vor vor allem historisch wahrgenommen, worauf wir ja auch stolz sind. Wir wollen zudem ein zeitgenössisches Bild der Stadt zeichnen. Wien hat sicher durch die Vienna Design Week eine wesentlich bessere Reputation als Design-Standort erreicht, das ist aber nicht nur unser Verdienst.Die Wirtschaftsagentur mit Ihrem Departure-Programm, das MAK als einer der wesentlichen Akteure auf diesem Gebiet, die Biennale, u.v.m. arbeiten gemeinsam an der internationalen Strahlkraft.
Wien steht für Kultur. Design ist ein Teil davon.

Im Review zum letztjährigen Jubiläum hab ich ein sehr schönes Zitat von Deyan Sudjic gelesen…
„Bei der VIENNA DESIGN WEEK ging es nie einfach um Designpromotion oder darum, dass Wien sich gut fühlt. Sondern es ging immer um Wissensdurst und neue Ideen.“ Neugier und Leidenschaft sind ein wunderbarer Motor. Meiner Meinung nach sogar DER Antrieb schlechthin. Ist das Dein Erfolgsrezept?

Ganz sicher! (strahlt) Deshalb war es auch immer wichtig, diese Impulse von außen zu haben. Es braucht internationale Leute, weil das „Im-eigenen-Saft-schwimmen“ die Neugier einfach nicht befeuert. Eine andere Triebfeder ist die Lust am Vermitteln, Leute mit der Begeisterung anstecken zu wollen!

Wo liegt noch Potenzial? Soll die Vienna Design Week noch weiter wachsen? 150 Veranstaltungen sind eine stolze Zahl…

Nein, ich denke, umfangsmäßig ist sie genau das, was man in 10 Tagen als Publikum gut bewältigen kann. Auch das Team hat eine gute gesunde Größe, die wir brauchen. Dadurch, dass wir jedes Jahr woanders sind, haben wir einen ungeheuer höheren Organisationsaufwand.
Das Potenzial liegt in erster Linie nicht bei uns, aber es tut sich wieder einiges im Herbst, rund um die Vienna Design Week. ZB wird es wieder eine neue Messe in der Hofburg geben, den Design District, gepaart mit neuen Initiativen des Handels. Dadurch wird in der Stadt eine gute Stimmung erzeugt! Wir sehen die Vielfalt an Initiativen in diesem Zeitraum durchaus als eine tolle Entwicklung!

Hast Du für das Festival eigentlich ein Vorbild? Die Zona Tortona zB im Rahmen der Mailänder Möbelmesse I Saloni? Denkst Du an eine Verbindung mit anderen Festivals?

Die Zona Tortona allein sicher nicht. Diese könnte ein Vorbild sein, wenn wir auch immer am selben Ort wären. Auch die Mailänder Saloni haben jährlich neue Hot Spots. Wir haben kein einzelnes Vorbild, weil das auch das klare Konzept war. Wir wussten, wenn wir Leute nach Wien holen wollen, müssen wir anders als alle anderen sein. Deshalb haben wir uns auch für das heurige Gastland Rumänien entschieden, weil selbst die Experten wenig darüber wissen und damit neugierig sind.

Du hast mit Deinem Team sehr viel erreicht. Das Festival ist mittlerweile Österreichs größte Design-Veranstaltung. Deine Partner, mit denen Du die Vienna Design Week erfunden hast, haben neue Wege eingeschlagen. Du bleibst Eurer Idee treu. Was treibt Dich an? Wo möchtest Du hin?

Als wir das Festival aus einem sehr energiegeladenen Tun heraus gegründet haben, hatten wir überhaupt keinen langfristigen Plan. Über die Jahre haben sich 3 sehr unterschiedliche Lebenspläne und Zielsetzungen ergeben und entwickelt. Jeder von uns 3 war der Überzeugung, dass wir nicht unbedingt zu dritt bleiben müssen. Anfangs natürlich, für den Aufbau und weil wir weiterhin auch an anderen Themen interessiert bleiben wollten. Bei mir hat das Festival jetzt natürlich eine ziemliche Exklusivität in meinem Jobleben eingenommen, (lacht) ich hab auch mehr oder weniger die Hälfte meines professionellen bisherigen Lebens in die Vienna Design Week investiert!

Ich mag die Lust am Vermitteln und weise gern auf Dinge hin und wünsche mir, dass Design als Kraft erkannt wird, Dinge im Wesentlichen zu erkennen.Zudem wäre eine bessere finanzielle Planbarkeit von großem Vorteil für das Festival. Zur Zeit haben wir keine Verträge auf öffentlicher Seite, die über ein Jahr hinaus gehen. Die Wirtschaftskammer hat sich überhaupt aus der Kooperation zurück gezogen, das macht es nicht leichter, wenn Partner, die eigentlich auf der Hand liegen, sich verabschieden.

Die Vienna Design Week ist ein Projekt, das nie fertig ist. Ich würde das Festival gern so positionieren und organisieren, dass es übergebbar ist. Nicht heute, vielleicht auch nicht morgen. Aber damit ein Festival dynamisch bleibt, braucht es neue Leute, von außen wie von innen. Im Lauf der Jahre hat sich der Focus auf verschiedene Bereiche aufspalten müssen: Ich wollte eine größere Unabhängigkeit von öffentlichen Geldern. Demnach musste ich mit meinem Team zum Top Fund Raiser werden. Der zweite Focus lag auf dem Aufbau eines guten Teams. Neben dem eigentlichen Hauptjob des Kurators. Das alles gleichzeitig unter einen Hut zu bringen ist schon eine große, aber sehr spannende Herausforderung.

Danke für das Gespräch.

Facts

Mag.a Lilli Hollein studierte Industrial Design an der Universität für angewandte Kunst in Wien und arbeitet seit 1996 vorwiegend als Journalistin und Kuratorin. Veröffentlichungen als Design- und Architekturkritikerin u.        a. in „Der Standard“ und „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ sowie als freie Redakteurin für das Kulturressort-Fernsehen des ORF. Als Kuratorin ist Lilli Hollein für mehrere Ausstellungen aus dem Themenbereich Architektur und Design verantwortlich. 2007 war sie Kommissärin für den österreichischen Beitrag bei der 7. Architektur-Biennale Sao Paulo.

Das Interview führte Karin Witasek.

Kontakt

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