Projekt Beschreibung

Hamburg | Ausgabe 22 | Winter 2018

Ulrike Krages ist Gründerin der Unternehmensgruppe Urban Comfort designed by Ulrike Krages. Ihre große Leidenschaft gehört dem Leben in Räumen, die sozial verträglich sind. Dies gilt für Quartiere wie für Mehrfamilienhäuser gleichermaßen. Für diese Mission verschafft sie sich anhand von Vorträgen Gehör. Ihre Botschaft ist klar: mehr bezahlbare Wohnflächen in Ballungsgebieten, die das Wort Sozialverträglichkeit neu definieren.

Streifzug: Frau Krages, gerade ist ein Buch mit dem Titel „Best Interior Design on the Planet“ erschienen, in dem Ihnen neben anderen international bekannten Designern ein langer Beitrag gewidmet ist. Nicht gerade ein Bericht, der vermuten lässt, dass Ihnen sozialer Wohnungsbau wichtig ist.
Ulrike Krages: Ich finde, das eine schließt das andere nicht aus. Design hat nur eine andere Bedeutung, wenn es um sozial verträgliches Wohnen geht.

Streifzug: Können Sie das näher erläutern?
Ulrike Krages: Den Luxusbereich zu bedienen heißt, sich auf die Interessen und Gewohnheiten der Kunden einzustellen. Sie zahlen viel Geld dafür, auserlesene Materialien, maximale Betreuung und eine anspruchsvolle Performance garantiert zu bekommen. Allem voran steht natürlich, dass Sie einen Anspruch darauf haben, dass man ihre Wünsche und Bedürfnisse versteht. Das setzt voraus, dass wir als Architekten und Designer zuhören, gezielt Fragen stellen und unsere Arbeit so umsetzen, dass sie sich bestmöglich abgeholt fühlen. Mit anderen Worten: Wir schaffen einen optimalen Nestbau, ganz gleich ob es sich um 100 m² oder 1000 m² handelt.
Menschen, die nur wenige finanzielle Mittel zur Verfügung haben oder gar von Sozialhilfe abhängig sind, haben auch Bedürfnisse und Vorstellungen, was Wohnraum betrifft. Sie haben nur zum einen nicht die Mittel und zum anderen haben sie verlernt zu äußern, was ihnen eigentlich gut tun würde, um ihr Zuhause als Nestbau bezeichnen zu können. Der innere und äußere Kern schaffen die Grundlage dafür. Wenn die sozialen Wohnungsbaugesellschaften unreflektiert auf Masse setzen, machen wir nicht nur städtebaulich einen Riesenfehler, wir schaffen damit eine neue Form von Ghettoisierung, die uns, wie an vielen Beispielen zu sehen ist, gesellschaftlich an die Grenze der Sozialverträglichkeit bringt.

Streifzug: Wir benötigen aufgrund der enormen Mietsteigerungen in den Städten aber schnellstens neue Wohnungen, um Wohnraum bezahlbar zu machen. Wie wollen Sie das Problem lösen?
Ulrike Krages: Sozialer Wohnungsbau auf engstem Raum kann einerseits finanzierbar und gleichzeitig nah an den Bedürfnissen der Bewohner sein. Dazu müssen wir uns jedoch Gedanken machen, wie wir unterschiedliche Kulturen, alleinerziehende Mütter oder Väter, Senioren oder auch betreuungswürdige Bewohner auffangen können. Jeder Einzelne hat aus meiner Sicht ein Recht auf ein Zuhause und auf eine gute Nachbarschaft im besten Sinne. Mit anderen Worten: Ein Zuhause als behaglicher Schutz nach außen ist unabhängig von arm oder reich. Durch unsere digitale Welt könnten beispielsweise alle Bewohner unterschiedlichster Art voneinander profitieren. Austausch und die Möglichkeit, einander zu helfen, schaffen per se schon ein Gefühl der Nestwärme allein durch das Verständnis der Zugehörigkeit.

Streifzug: Spielt denn auch die Gestaltung von Innenräumen aus Ihrer Sicht eine Rolle? Aufgrund eines engen Budgets stehen nur begrenzte Bau- und Ausstattungsmaterialien zur Verfügung.
Ulrike Krages: Es geht dabei weniger um die Baumaterialien als vielmehr um die Auswahl innerhalb des zur Verfügung stehenden oder vorgeschriebenen Budgets sowie eine sinnhafte Grundrissplanung. Mit etwas Sensibilität ist es möglich, ein Mehrfamilienhaus zu bauen, für das man sich als Architekt nicht schämen muss. Grundrisse, Farben, Materialien, Licht und insbesondere Gemeinschaftsflächen können harmonisch aufeinander wirken. Ich persönlich setze grundsätzlich immer Wert auf die Möglichkeit, Kommunikationsplätze zu schaffen. Dort, wo ich Plätze schaffe, die zur Verständigung anregen, anstatt unüberlegt nicht überschaubare dunkle Plätze zum „Abhängen“ zu bauen, schaffen wir die Möglichkeit, einander kennenzulernen. Warum ist es nicht möglich, Gemeinschaftsräume zu gestalten, in denen gemeinsam gewerkelt wird oder gekocht? So könnte man zum Beispiel Senioren bitten, sich um die Ordnung und Organisation zu kümmern. Oder Alleinerziehende wüssten z.B. anhand einer Haus-App, wer sich um ein krankes Kind kümmert, anstatt es mit Fieber in den Kindergarten oder in die Schule zu stecken, wo es alle anderen Kinder ansteckt.

Streifzug: Das ist eine schöne Vision, aber doch so niemals umzusetzen. Wer soll sich dafür in der Umsetzung verantwortlich fühlen?
Ulrike Krages: Wenn diese Vision bei der Höhe unserer Steuereinnahmen heutzutage nicht umzusetzen ist, wann bitte dann?
Wissen Sie, wie viele Sozialarbeiter es gibt, die sich tagein, tagaus in die einzelnen sozialschwachen Familien begeben, um zu retten, was häufig nicht mehr zu retten ist? Diese vielen fleißigen Helfer für die Betreuung eines ganzen Hauses auszubilden und Hilfe aus direktem Umfeld zu organisieren, halte ich für aussichtsreich. Jedes Haus könnte eine eigene App mit einem Bewertungssystem der unterschiedlichen Angebote seitens seiner Bewohner anbieten. Fragen zu unterschiedlichen Kulturen und Religionen könnten durch eine Haus-App gesteuert parallel zu einem schwarzen Brett installiert werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass so ein Wohnmodell es immerhin verdient hat, als Versuch getestet zu werden. Ich persönlich würde diesen Testlauf am liebsten selbst begleiten, um daraus für die Zukunft zu lernen.

Streifzug: Haben Sie dazu bereits Gespräche m