Projekt Beschreibung

STREIFZUG Südtirol & Gardasee | Ausgabe 04 | Herbst 2026 | Text: Christian Bonk

Südtirol ist zu jeder Jahreszeit eine Destination, die ihre Besucher durch den einmaligen Mix aus mediterranem Klima und faszinierender Alpin-Kulisse begeistert. Aber besonders viele Südtirol-Fans sind vor allem im Herbst gerne in „Alto Adige“. An sonnigen Tagen sieht Südtirol von September bis Anfang November aus, als hätte jemand das Licht neu erfunden. Die Hitze ist abgeklungen, die Sonne steht tiefer und lässt die Felswände der Dolomiten ungeheuer kontrastreich erscheinen. Die Weinberge begeistern durch ihr tiefes Grün, und auf den Wanderwegen raschelt das Laub unter den Bergschuhen. Es ist Törggelen-Zeit – der „Indian Summer“ dieser zauberhaften Region zwischen den imposanten Dolomiten-Massiven. Wer jetzt wandert, erlebt eine Landschaft zwischen zwei Jahreszeiten: oben ein erster Hauch von Winter, unten Reben in Gold, Rot und Kupfer.

Zum Törggelen gehört zwischen den Wander-Etappen die Einkehr in den Weingütern am Wegesrand.

Törggelen ist eine uralte, liebgewonnene Tradition

Der Brauch geht auf die Bauern und Winzer des Eisacktals zurück. Nach der Weinlese luden die Winzer schon im Mittelalter Nachbarn und Helfer in die Stuben der Höfe ein, um den frisch gekelterten Wein zu genießen – den „Nuien“, wie man auch heute noch sagt. Dazu gab es das, was die Natur im Herbst in Hülle und Fülle zur Verfügung stellt: Kastanien, am liebsten frisch geröstet. Dazu die einfachen Köstlichkeiten, die Südtirols Küche längst weltweit bekannt gemacht haben: Speck, deftige Käsesorten, gehaltvolles Kraut, Surfleisch und frisch ausgelassene Krapfen. Übrigens hat das Wort „Törggelen“ seinen Ursprung in der Torggl, der mechanischen Weinpresse. Was einst ein bäuerliches Dankfest war, ist heute ein herbstliches Ritual: ein Abschied vom Sommer und zugleich eine Feier des Herbstes mit all seinen Farben und Gerüchen.

Erlebnis pur auf aussichtsreichen Wegen

Die schönste Art, das Törggelen hautnah und mit allen Sinnen zu erleben, sind herbstliche Wanderungen auf den „Keschtn-Wegen“ der Weinanbaugebiete. Denn schließlich gehört ja auch das eine oder andere Gläschen vom „Nuien“ zum Genuss. Dieser junge Wein, der meist noch gärend im Glas prickelt, besticht zwar nicht durch einen besonders hohen Alkoholgehalt, aber dennoch hebt er die Stimmung und macht die Törggelen-Anreise mit dem Auto nur zur zweitbesten Option. Kombiniert mit einer Tour durch Weinberge, über sanfte Hügel und herbstliche Wälder wird die Törggel-Tour zu Fuß zum Erlebnis für alle Sinne. Denn nicht nur die Köstlichkeiten, die in den Schänken und Weingütern angeboten werden, sind Seelenbalsam, auch die Rundumblicke in die Farbenpracht der Dolomiten sind Südtiroler Momente, die lange nachhallen.

Schlutzkrapfen mit frischen Kräutern sind die perfekte Stärkung beim herbstlichen Wandern.

Der Keschtnweg – die klassische Törggelen-Route

Einer der bekanntesten Südtiroler Herbstwege ist der Keschtnweg, der sich von Vahrn über die Hänge des Eisacktals bis zum Rittner Hochplateau erstreckt. Wanderer genießen farbenfrohe Mischwälder, grüne Wiesen und immer wieder Kastanienhaine. Ein Highlight ist die Etappe von Feldthurns Richtung Klausen. Vom Ausgangspunkt an der Antoniuskirche etwa, weiter durch das „Keschtnloach“, vorbei an alten Höfen wie dem Moar zu Viersch auf einen Abstecher hinunter zum Kloster Säben. Die Dolomiten stehen dabei wie Kulissen am Horizont, die Gipfel der Geislergruppe schimmern silbern und rosa. Wer diesen Weg geht, erlebt auf intensive Weise, warum das Törggelen so eng mit dem Wandern verbunden ist. Hinter jedem Hügel könnte eine Bauernstube liegen, in der der junge Wein eingeschenkt wird und eine Rast zum kulinarischen Erlebnis macht.

Der Törggelesteig für Genuss-Wanderer

Der Törggelesteig ist ein beschaulicher Weg, der durch Kastanienhaine, alte Mauern und über üppige Wiesen führt. In den Höfen prasseln Feuer, über denen Kastanien geröstet werden, und die flach stehende Sonne erzeugt eine unvergessliche Farbenkulisse, wenn sie die umliegenden Dolomiten-Gipfel anstrahlt. Holzfeuer in der Luft – und immer wieder der Blick auf Klausen, das unten im Tal wie eine kleine mittelalterliche Bühne liegt.

Eine andere Kulisse bietet der Blauburgunderweg im Süden Südtirols. Er führt durch die besten Pinot-Noir-Lagen Italiens – Mazon, Glen, Pinzon – und verbindet Weinberge, historische Orte und weite Ausblicke. Entlang des Weges liegen beispielsweise die archäologische Fundstelle Castelfeder, die alte Fleimstaler Bahntrasse und die spätgotische Stephanskirche von Pinzon. Die Farben der Weinberge leuchten im Herbst besonders intensiv, und die Kombination aus Kultur, Wein und Natur macht diesen Weg zu einer idealen Ergänzung zu den klassischen Törggele-Routen im Eisacktal.

Der Blauburgunder-Weg bietet hübsche Rastplätze mit toller Aussicht.

Törggelen-Highlights im Südtiroler Oktober

  • 11. Oktober: Törggele-Fest, Ritten – Ein klassischer Herbsttermin auf dem Ritten
  • 13. Oktober: Törggelewanderung zum Bachlerhof, Schenna – Geführte Herbstwanderung mit Einkehr
  • 16. Oktober: Törggelefest, Riffian – Ein weiterer klassischer Festtermin im Meraner Land
  • 16.–17. Oktober: Törggelen beim Dantn, Ulten – Törggele-Veranstaltung über zwei Tage
  • 21. und 28. Oktober: Törggelewanderung, Natz-Schabs – Geführte Wanderungen durch die herbstliche Landschaft mit anschließendem Törggele-Erlebnis

Der markante Peitlerkofel ragt zwischen Eisacktal und Gadertal in den blauen Herbsthimmel.

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