Projekt Beschreibung

Historisch weitergewachsen. NOA hat das Apfelhotel Torgglerhof in mehreren Etappen sanft erweitert und dabei die neuen Elemente sensibel in die Landschaft eingebettet. Foto: © Alex Filz

STREIFZUG Südtirol & Gardasee | Ausgabe 04 | Herbst 2026 | Text: Barbara Jahn

Der Anspruch von Reisenden an Architektur und Design hat sich zunehmend verändert: Gesucht werden Orte des Erlebens, die keine reine Kulisse sind, sondern vielmehr eine räumliche Erfahrung, die die Auszeit zu etwas Besonderem und Einzigartigem macht. Menschen genießen das Hier und Jetzt, und dazu gehört auch eine gewisse Analogie, die gerade in der Auszeit eine neue Bedeutung bekommt.

Perfekte Welle. Mit seinem imposanten 300 Meter langen, geschwungenen Dach schmiegt sich das Falkensteiner Family Lido Resort von NOA an die Hügellandschaft. Foto: © Alex Filz

Eigene Identität. Das Aeon Wellness Hotel von NOA, inspiriert von dem benachbarten, jahrhundertealten Lobishof, wurde mit zwei markanten Baukörpern umgesetzt. Foto: © Alex Filz

Es sind die herrliche Landschaft, das angenehme Klima, die Kulinarik und die Gastfreundschaft, die jedes Jahr Touristen aus der ganzen Welt nach Südtirol kommen lassen. Doch abgesehen davon sind es auch zahlreiche neue Architekturprojekte, mit denen die Region immer wieder auf sich aufmerksam macht, denn sie antwortet darauf mit Projekten, die Landschaft, Bestand und neue Formen nicht gegeneinander ausspielen, sondern es schaffen, die regionale Baukultur in eine zeitgenössische Sprache zu übersetzen, die die Maßstäbe respektiert, die lokalen Materialien schätzt und die Atmosphäre beibehält.

Ein Neubeginn. Architekt Martin Gruber gestaltete die anders mountain suites als skulpturalen Baukörper mit wellenförmig geschwungener Fassade. Foto: © Tobias Kaser

Gelungener Neustart. 600 Jahre, neun Suiten, ein Hotel – die Fink Restaurants & Suites bekamen von den Architekten von Asaggio und Stefan Gamper ein neues Gesicht. Foto: © Konstantin Volkmar

Die Landschaft als Ursprung

Die Umgebung ist für Architekten stets eine unerschöpfliche Inspirationsquelle, aber nicht nur das: Sie gibt immer mehr den Ton an. Schließlich möchte man nicht mehr mit ihr in Konkurrenz treten, sondern den besten Weg finden, sich darin einzugliedern. Zwei besondere Beispiele, wie das hervorragend gelingen kann, sind die von Asaggio – Armin Sader und Gian Marco Giovanoli – entworfenen Rittstein Homes in Eppan und die von NOA gestalteten Floris Green Suites in Seis am Schlern – beides Erweiterungsprojekte, die bei der Landschaft ansetzen, jedoch gegensätzliche Strategien daraus entwickelt haben. Die zehn neugebauten Suiten von Floris, die von NOA in den Park des Parc Hotel Florian „gesetzt“ wurden, stehen auf drei Meter hohen Stützen. Auf diese Weise kann die Gartenlandschaft unter den Baukörpern fortgeführt werden, die leicht versetzt zueinander an Baumhäuser erinnern. Durch Öffnungen, Patios und Terrassen ergeben sich starke Verbindungen zwischen Innen und Außen, verstärkt durch die Vergrauung des Holzes an der Fassade. Ebenfalls eine Erweiterung sind die Rittstein Homes, sechs autonome Appartements als perfekte Ergänzung des bestehenden Stroblhofs, die mit ihren asymmetrischen Volumina, rostroten Fassaden und großzügigen Verglasungen für eine Antwort stehen auf die Topografie, Natur und den Porphyr aus der Umgebung. Allerdings ist es eine Sprache, die in ihrem Bezug auf die Regionalität ohne alpines Vokabular auskommt und stattdessen mit der Materialwahl und der gewählten Geometrie eine zeitgenössische Lesart des südlichen Südtirols erzeugt – mit mediterran angehauchten Pergolen und Patios, die zwischen den privaten Räumen und der Weinlandschaft eine enge Beziehung herstellen.

Charmante Lesbarkeit. Das Meraner Hotel Aurora kann dank innovativem Konzept von feld72 seine Geschichte im Stadtbild mit einem neuen Kapitel weitererzählen. Foto: © tschinkersten

Oben drüber, unten durch. Die Floris Green Suites von NOA stehen auf drei Meter hohen Stützen und lassen den Park unter sich durchlaufen. Foto: © Alex Filz

An Baukultur weiterbauen

Doch nicht nur die Landschaft ist etwas, das in diesem Zusammenhang gerne weitergedacht wird, sondern auch Bestehendes, das man zu einer neuen Hochblüte aufblühen lassen und dabei neuen Schwung und frischen Wind hineinbringen will. Mit diesem Ansatz entstanden zwei Projekte, die sich im urbanen Kontext intensiv mit der Historie von Gebäuden auseinandergesetzt haben, um deren Geschichte weiterzuerzählen. Das Wiener Architekturbüro feld72 sah sich beim Hotel Aurora in Meran mit einem historischen Westflügel und einem Bau der 1960er Jahre konfrontiert, als es mit der Erweiterung des Hauses beauftragt wurde. Schnell war klar, dass hier Geschichte nicht als statischer Zustand, sondern als Ressource verstanden werden soll. Das bedeutete, dass alle Zeitebenen ablesbar bleiben sollten. Gelungen ist das Andocken an die Geschichte unter anderem mit einem überhöhten Mansardendach, dessen eloxierte Aluminiumlamellen eine leichte, durchlässige Haut bilden und auf diese Weise die bestehende Typologie fortschreiben, aber nicht kopieren. Ebenfalls aus der Feder von Asaggio, hier in Zusammenarbeit mit Architekt Stefan Gamper, stammt das neue Baukapitel des Fink Restaurants & Suites in Brixen: ein Projekt, bei dem ein mehr als 600 Jahre altes Laubenhaus vollständig entkernt, neu organisiert und auf seine historische Struktur zurückgeführt wurde, bei der die dicken Steinmauern sowie die Gewölbe mit Rundbögen und Fresken zu bestimmenden Elementen wurden. Als zeitgenössisches Pendant wurden diesen „zurückhaltende“ Materialien wie Eichenholz, Terrazzo oder Oberflächen in Eierschale entgegengesetzt. In den leerstehenden Obergeschossen sind so neun Suiten entstanden, das Restaurant im Erdgeschoss wird weitergeführt. Auch hier wird der sensible Umgang mit dem Vorgefundenen evident und wirkt nicht aufgesetzt.

Überraschungsmoment. Der Zugang in die unterirdischen Gästezimmer des Hotels Gfell von NOA erfolgt über eine historische, behutsam restaurierte Scheune. Foto: © Alex Filz

Familienzuwachs. Mit den Rittstein Homes, sechs neuen eigenständigen Appartements geplant von Asaggio, erweitert der Stroblhof das Angebot für seine Gäste. Foto: © Alex Filz

Ganz ohne Folklore

Den Schwerpunkt von klassischem Hotelbetrieb hin zum individuellen Rückzugsraum lenken zwei Projekte, die auf veränderte Reiseerwartungen reagieren, indem sie das temporäre Zuhause für die Gäste nicht über möglichst viele Funktionen definieren, sondern über den Ort selbst. Gleichzeitig lösen sie sich ganz bewusst vom Bild des klassischen Südtiroler Hotels mit Satteldach und Chalet-Ästhetik. Der Spazio 46, eine von Architekt Thomas Kienzl gestaltete Architektur mit einem Interiorkonzept von Hannes Peer, liegt in den Südtiroler Weinbergen nahe Meran und trägt dieser neuen Gesinnung Rechnung. Während sich der skulpturale Baukörper, errichtet in einer schwierigen Hanglage, mit Raumörtel in die Weinlandschaft harmonisch eingliedert, wird die Umgebung in Form von Südtiroler Nussholz und Gneis aus dem Passeiertal in das Innere übersetzt. Bei den anders mountain suites transformiert Architekt Martin Gruber hingegen ein ehemaliges 50-Betten-Hotel in sieben Wohnungen mit zwei Geschossen, deren Räume sich komplett auf die Berglandschaft ausrichten. Die Reduktion des Programms verändert auch die architektonische Figur: Ein skulptural geformtes Flachdach, das sich in den Hang schiebt und über eine auskragende Plattform den Ausblick öffnet, und der graue Zement der markanten Betonattika verbinden sich mit der gebürsteten Fichtenholzfassade mit ihren großen Öffnungen, die die Umgebung rahmen.

So zeigen all diese Projekte, dass es keine eingefrorenen Klischees braucht, um in den Südtiroler Alpen das zu finden, was man sucht – nämlich diese, sich selbst und eine neue Art der beiden, einander zu begegnen.

Radikales Redesign. Für den ehemaligen Marhof und das heutige Silena entwickelte NOA ein asiatisch inspiriertes Konzept mit japanischen Elementen. Foto: © Alex Filz

Sanfte Diva. Das Parkhotel Franceschi wurde von NOA durch die Integration historischer Elemente in das moderne Interieur ins Jetzt geholt. Foto: © Alex Filz

Bleiben Sie top-informiert und melden Sie sich jetzt zum STREIFZUG Newsletter an

Der STREIFZUG Newsletter informiert Sie regelmäßig über die schönsten Immobilien und das Neueste aus Interior Design & Lifestyle. Wir nehmen Ihren Datenschutz sehr ernst. Alles dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.