Projekt Beschreibung

STREIFZUG München | Ausgabe 76 | Sommer 2026 | Text & Interview: Christian Bonk

Gesund älter werden und dem schleichenden körperlichen und geistigen Verfall ein Schnippchen schlagen – Biohacking ist der „lifestylige“ Trend, der den Menschheitstraum von der ewigen Jugend in eine wissenschaftlich fundierte Sphäre überführt. Und tatsächlich: Der harmonische Mix aus wissenschaftlichen Erkenntnissen, Power-Substanzen aus der Natur und einem achtsamen Umgang mit der eigenen Psyche kann das Leben durchaus verlängern, die Gesundheit pushen und zu mehr Lebensqualität verhelfen.

Biohacking, wie es sich heute darstellt, hat eine spannende Vorgeschichte im Gepäck. Da wäre beispielsweise die Phase „Do it Yourself“-Biology in den USA der achtziger Jahre mit den legendären Garagen-Laboratorien – eine selbstoptimierende Untergrundbewegung, die eine Demokratisierung der Bio-Forschung postulierte. Schon damals war das wichtigste Ziel der Befürworter, die Herrschaft über die eigenen Gene zu erlangen, die eigene DNA lebensverlängernd zu manipulieren oder zumindest positiv zu beeinflussen. Kritiker sprachen damals von Bioterrorismus und warnten vor unkontrollierbaren Risiken durch auf falschem Halbwissen basierende Laien-Experimente.

In den 90er Jahren folgten die LOHAS (Leadership of Health and Sustainability) – eine Bewegung eher betuchter Job-Performer, die zum Ziel hatte, das Leben in vollen Zügen, aber so gesund wie möglich, zu genießen und die Umwelt dabei nicht unnötig zu strapazieren. Auch hier gab es Kritiker, die den LOHAS vorhielten, einem hauptsächlich luxuriösen Lebensstil ein grünes Mäntelchen überzuziehen – aus Biobaumwolle, versteht sich.

Zeitgleich begann die Ära der technologischen Körpervermessung. Fitness-Tracker waren das Gebot der Stunde und präsentierten ihren Trägern fundierte Daten zu Pulsfrequenz auf EKG-Niveau, dokumentierten Tiefschlafphasen, zählten Schritte und berechneten den Kalorienverbrauch. Sie wurden für viele zur Basis für das persönliche Fitnesstraining und für eine gesunde und gefahrstoffarme Ernährung – Kohlenhydrate, Fette, Cholesterin kamen quasi ins Schwarzbuch der Nährstoffe. Anfang der 2000er Jahre kamen Gerüchte auf, dass die massenhaft gesammelten Daten aus den Handgelenks- und Brustsensoren es den Tracker-Herstellern ermöglichten, disziplinierten Dauerträgern der Geräte so ziemlich auf die Woche genau ihren natürlichen Todeszeitpunkt voraussagen könnten – sollten sie nicht zuvor beim Waldbaden vom Blitz erschlagen werden.

Der Welcome to yourself-Tube im BIOGENA BRAND BASE 01, im Herzen der historischen Altstadt von Salzburg

Biohacking – der Traum von 180 Lebensjahren

Doch wenden wir uns dem aktuellen Biohacking-Trend zu, der inzwischen äußerst seriös und erwachsen Wege aufzeigt, das Leben gesünder, gehaltvoller und zufriedener zu gestalten. Wohl kaum jemand hat den Begriff Biohacking nachhaltiger geprägt als der ehemalige Silicon-Valley-Nerd Dave Asprey. Sein irrwitzig anmutendes Ziel ist eine Geburtstagsparty, die er vermutlich ausschließlich mit seinen rüstigen, 100-jährigen Urenkeln feiern wird – er will nämlich sage und schreibe 180 Jahre alt werden. Realistischer erscheint hingegen, wie er seinen Lifestyle seit etwa 2010 täglich optimiert, um den Alterungsprozess zumindest zu verlangsamen. „Bulletproof Coffee“, Mitochondrien-Optimierung, Neurofeedback und Lichttherapie gehören zu den Essenzen auf der Jagd nach fortwährender Jugendlichkeit für Dave Asprey: „Ich will nicht einfach nur alt werden – ich will jung bleiben, während ich alt werde“, so sein Mantra als „early adopter“ der Biohacking-Szene.

Sein legendärer Morgen-Kaffee, der „Bulletproof Coffee“ – bestehend aus Kaffee höchster Güte, grasgefütterter Butter und MCT-Öl –, ist nicht nur sein persönlicher Start in einen gesunden Tag, sondern längst auch ein weltweiter Topseller unter den Nahrungsergänzungsmitteln. Neben der rein biologischen Nachhilfe, die er seinem Körper zugutekommen lässt, setzt der erfolgreiche Unternehmer auch auf den medizintechnischen und technologischen Fortschritt. Denn er ist der festen Überzeugung, so alt zu werden, dass die Schreckgespenster und hartnäckigen Widersacher eines langen Lebens wie Krebs, Gedächtnisschwund und lebensbedrohlich zellverändernde Krankheiten schon in wenigen Jahrzehnten heilbar sein werden. Neben der Bulletproof-Diät nimmt er dutzende Nahrungsergänzungs-Präparate zu sich, setzt auf Kryotherapie, Neurofeedback, Meditation, Atemübungen sowie eine permanente Überprüfung seiner Biomarker und periodisches Fasten zur schnelleren Zellgeneration.

Datengestützte Gesundheitschecks bilden die Grundlage für einen langfristigen Therapieerfolg. / SHA Spain

Habe ich das Zeug zum Biohacking?

Selbstverständlich bedeutet die Teilhabe am Gesundheitstrend Biohacking nicht, den bio-gehackten Tagesablauf von Dave Asprey zu kopieren. Gleichwohl bieten sich für jede und jeden von uns fein dosierbare Möglichkeiten, Biohacking-Erkenntnisse, ausgesuchte Nahrungsergänzungsmittel und achtsame Techniken für die eigene Psyche, einen erholsameren Schlaf und mehr mentale Gelassenheit zu einer Steigerung der individuellen Lebensqualität einzusetzen. Für Einsteiger genügt es schon, zwei bis drei Biohacks pro Woche in den normalen Alltag einzubauen und ergänzend zur ausgewogenen Ernährung qualitativ hochwertige Supplements zu sich zu nehmen.

Welche Nahrungsergänzung hilft nachweislich?

Generell stehen frei verkäufliche Nahrungsergänzungs-Präparate häufig unter dem Generalverdacht, einer wissenschaftlichen Fundierung zu entbehren. Dennoch gibt es zahlreiche Wirkstoffe in der Natur, die den Organismus, die Zellstruktur, Blutwerte und/oder die Verdauung nachweislich positiv unterstützen. Diese Supplemente können dazu beitragen, Biohacks in ihrer Wirkung auf den Organismus positiv zu verstärken, wobei auch hier, ganz wie bei den Biohack-Einheiten, eine durchdachte Dosierung das Maß aller Dinge ist. Ob Magnesium für guten Schlaf, Vitamin D3 und K2 fürs Immunsystem, Omega-3-Fettsäuren als Entzündungshemmer, L-Thenin für Stressreduktion oder Zinkpräparate für eine hormonelle Balance, die Wirkung beispielsweise dieser Supplements ist wissenschaftlich erwiesen, vor allem wenn sie von renommierten Herstellern stammen.

Yoga wirkt sich gleichermaßen positiv auf Körper und Geist aus. / Lanserhof Sylt

Fazit:

Ein bisschen Biohacking kann in keinem Lebensentwurf schaden. Gesunde Ernährung, Bewegung an der frischen Luft, ein achtsamer Umgang mit unserer Psyche und ein gekonnter Mix aus Nahrungsergänzungsmitteln und Naturpräparaten sind keine Garanten fürs Erreichen eines biblischen Alters, aber sie können wichtige Bausteine für mehr Zufriedenheit, Gelassenheit und ein erfüllteres Leben sein.

Natürlich leben in einer unnatürlichen Umgebung

Kurzvita Andreas Breitfeld

Andreas Breitfeld zählt zu den bekanntesten Biohackern im deutschsprachigen Raum. Nach einer Karriere in der Kommunikationsbranche und einer gesundheitlichen Krise begann er, sich intensiv mit Leistungsphysiologie, Lichtbiologie, Schlafmedizin und moderner Gesundheitstechnologie zu beschäftigen. Heute betreibt er das Breitfeld Biohacking-Lab in München, wo er Spitzensportler:innen, Unternehmer:innen und Menschen betreut, die ihre Energie, Resilienz und Regeneration verbessern wollen. Breitfeld gilt als Vermittler zwischen Hightech-Innovation und alltagstauglichen Methoden – immer mit dem Ziel, Menschen wieder in ihre eigene physiologische Balance zu bringen.

Streifzug: Andreas, du sagst, Biohacking habe dein Leben innerhalb weniger Monate komplett verändert. Was war der Moment, in dem du gemerkt hast: Das ist mehr als ein Experiment?
Andreas Breitfeld: Ich habe gemerkt, dass ich innerhalb von sechs Monaten Veränderungen erlebt habe, für die ich früher Jahre gebraucht hätte – körperlich, mental, hormonell. Das war der Moment, in dem mir klar wurde: Das ist kein Experiment, sondern ein System. Ich kam aus alten Mustern, die mein Nervensystem ständig im „Sympathikus Modus“ gehalten haben. Durch Biohacking habe ich gelernt, wieder in den parasympathischen Zustand zu kommen – also in echte Regeneration. Das hat mein Leben komplett verändert.

Streifzug: Viele verbinden Biohacking mit Hightech. Du arbeitest aber auch mit sehr einfachen Methoden. Welche „Low Tech Hacks“ bringen deiner Erfahrung nach die größten Effekte?
Andreas Breitfeld: Die größten Effekte kommen aus den Basics: Licht, Atmung, Rhythmus, Schlafdruck. Morgenlicht zum Beispiel unterdrückt das Hormon Melatonin und aktiviert die Cortisol Awakening Response – das ist ein natürlicher Startknopf für Energie. Bei der Atmung arbeite ich viel mit CO₂-Toleranztraining, weil es das autonome Nervensystem stabilisiert. Und Schlaf beginnt nicht abends, sondern morgens: Wer Licht, Temperatur und Rhythmus im Griff hat, braucht oft keine Gadgets mehr. Biohacking beginnt mit Biologie, nicht mit Technik.

Streifzug: Du sprichst oft davon, dass jeder Mensch ein komplexes System ist. Welche Faktoren werden deiner Meinung nach im Alltag am meisten unterschätzt?
Andreas Breitfeld: Wir unterschätzen, wie sehr unser Körper von zirkadianen Rhythmen gesteuert wird. Viele Menschen leben gegen ihre innere Uhr – zu viel Kunstlicht am Abend, zu wenig natürliches Licht am Morgen, unregelmäßige Mahlzeiten, zu wenig Tiefschlaf. Auch unterschätzt: Risikofaktoren wie Alkohol, der die Ausschüttung des Wachstumshormons (HGH) blockiert und die REM Phasen zerstört. Und wir vergessen Mikronährstoffe: Magnesium, Vitamin D, Omega 3, B-Vitamine – das sind keine Lifestylethemen, sondern Grundlagen für Energieproduktion und Neurotransmitter.

Streifzug: In deinem Lab betreust du Spitzensportler, aber auch Menschen, die einfach wieder mehr Energie wollen. Wo unterscheiden sich diese Gruppen – und wo überhaupt nicht?
Andreas Breitfeld: Spitzensportler optimieren oft im Mikrometerbereich – VO₂max, HRV, Laktat Clearance. Alltagsmenschen wollen dagegen meist wieder stabil schlafen, klar denken und Energie haben. Aber die Basis ist identisch: Schlafqualität, Stressregulation, Ernährung, Regeneration. Egal ob Olympionike oder Büroarbeiter – das Nervensystem funktioniert nach denselben Regeln.

Streifzug: Was ist aktuell die spannendste Technologie, die du testest – und warum?
Andreas Breitfeld: Mich faszinieren gerade Technologien, die das autonome Nervensystem regulieren: Lichttherapie, Frequenzsysteme, Atem-Tools, Vagus-Stimulation. Nicht, weil sie futuristisch aussehen, sondern weil sie uns in den Zustand bringen, in dem Heilung und Regeneration überhaupt möglich sind. Hightech ist für mich nur dann spannend, wenn sie die Biologie unterstützt – nicht ersetzt.

Streifzug: Viele Menschen fühlen sich von Selbstoptimierung eher unter Druck gesetzt. Wie erklärst du Biohacking jemandem, der Angst hat, „nicht genug zu leisten“?
Andreas Breitfeld: Biohacking ist kein Leistungsdruck, sondern eine Entlastung. Es geht nicht darum, mehr zu tun, sondern physiologisch sinnvoller zu leben. Wenn du verstehst, wie Melatonin, Cortisol, Herzfrequenzvariabilität oder Glukosestabilität funktionieren, wird vieles leichter. Biohacking ist kein Wettbewerb – es ist ein Werkzeug, um wieder in die eigene Mitte zu kommen.

Streifzug: Wenn du nur drei Gewohnheiten empfehlen dürftest, die sofort messbare Veränderungen bringen – welche wären das?
Andreas Breitfeld: Erstens Lichtmanagement: Morgenlicht für die Melatonin-Abschaltung, abends warmes Licht für die Melatonin-Produktion. Zweitens Alkohol reduzieren: Alkohol zerstört Tiefschlaf, blockiert HGH und verschiebt den zirkadianen Rhythmus. Und drittens intelligente Bewegung: Kurze, regelmäßige Reize – Zone 2 Training, Mobility, Atemarbeit – statt heroischer Überforderung.

Streifzug: Du sagst: „Werde der CEO deines eigenen Körpers.“ Was bedeutet das für dich persönlich im Alltag?
Andreas Breitfeld: Für mich heißt das: Ich kenne meine Risikofaktoren, ich verstehe meine Biochemie und ich treffe bewusste Entscheidungen. Ich muss nicht alles wissen – aber ich muss verstehen, wie ich Ergebnisse erreiche. CEO sein, heißt Verantwortung, nicht Kontrolle. Und die beginnt bei Schlaf, Ernährung, Licht, Atmung und mentaler Hygiene.

Streifzug: Wohin entwickelt sich Biohacking in den nächsten fünf Jahren – mehr Hightech oder mehr Achtsamkeit?
Andreas Breitfeld: Beides. Die Technologie wird weiter explodieren – Wearables, Lichtsysteme, Neurofeedback. Aber gleichzeitig wächst das Bewusstsein, dass wir ohne die Basics nichts erreichen: Licht, Schlaf, Atmung, Ernährung, Mikronährstoffe. Die Zukunft liegt in der Verbindung: Hightech, die uns hilft, wieder natürliche Zustände zu finden.

Website: www.breitfeld-biohacking.com
Blog: www.breitfeld-biohacking.com/blog
Podcast: „The Biohacking Practice Podcast“ www.breitfeld-biohacking.com/podcast

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