Sofa Alison Iroko Outdoor von Minotti. Design: Rodolfo Dordoni & Roberto Minotti www.minotti.com Foto: © Minotti
STREIFZUG München | Ausgabe 75 | Frühling 2026 | Text: Barbara Jahn
Der zwanzigste ist wohl ein Geburtstag, den man besonders gerne feiert. Ein Jubiläum, das sich STREIFZUG 2026 mit vielen Designikonen teilt, die ebenso wegweisend und visionär waren, wie das damals von Etha und Walter Taferner gegründete Streifzug Magazin. Wir werfen einen Blick zurück ins Jahr 2006, das nicht nur in der Medienlandschaft, sondern auch in der Welt der Einrichtung so einiges Spannendes, Neues bereithielt.

Sessel Voido von Magis. Design: Ron Arad www.magisdesign.com Foto: © Magis
Was war in der Designszene eigentlich los in der Mitte der Nuller-Jahre? Endlich waren alle angekommen im neuen Jahrtausend, auch an den Euro hatte man sich mittlerweile gewöhnt. So war es genau richtig, dass 2006 kein Jahr der harten Brüche, sondern eines der Zwischentöne war: keine radikalen Trends, kein überbordender Stilwechsel, vielmehr eine stille, fast intellektuelle Neuorientierung dessen, was Luxus im Wohnraum bedeuten kann. Der strenge Minimalismus der 1990er hatte gerade seine Absolutheit verloren, ohne jedoch ganz zu verschwinden. Ab und zu blitzt er ja bis heute noch durch. Gleichzeitig kündigte sich eine neue Sinnlichkeit an, und es entstand eine Ästhetik, die Reduktion mit Materialbewusstsein und Technik mit Emotion verband. In dieser Entwicklung sticht zweifellos das Sofa als Herzstück des Wohnens hervor, meist der Mittelpunkt einer ganzen Möbelfamilie, die sich dann in den darauffolgenden Jahren entwickeln würde. Großzügig, tief, bodennah – schon mehr für die Lounge als für den Salon. Modulare Systeme, wie sie etwa B&B Italia kultivierte, schufen offene Landschaften und räumten radikal mit klassischen Sitzgruppen auf, und die Farben bewegten sich im Spektrum gedämpfter Eleganz: Rauchgrau, Sand, Petrol, manchmal auch ein zurückhaltendes Aubergine. Glattes, makelloses Leder trat zugunsten strukturierter Stoffe zurück, und eine neue Haptik wurde zum subtilen Luxusmerkmal.

Sitzbank Drift Concrete von Established & Sons. Design: Amanda Levete www.establishedandsons.com Foto: © Established & Sons
Femininer Touch
Eine der prägenden Stimmen dieser weicheren Moderne war Patricia Urquiola. Ihre Entwürfe verbanden architektonische Klarheit mit organischen Linien, die mit Polstern noch einladender wirkten, beinahe intim, ohne die formale Disziplin zu verlieren. Dadurch bekam der Wohnraum wieder mehr Emotionalität, wenngleich kontrolliert und kultiviert. Parallel dazu gewann das Handwerk neue Aufmerksamkeit – Nähte, Falten, Knöpfungen wurden zum gestalterischen Detail. Vor allem Hella Jongerius brachte textile Tiefe und subtile Unregelmäßigkeit in eine bis dahin sehr glatte Designwelt. Ihre Arbeiten spielten mit Materialität, mit Farbschattierungen, mit sichtbarer Handarbeit. Ein Novum in der Welt des Designs: Perfektion wurde nicht mehr als makellose Oberfläche verstanden, sondern als bewusst gestaltete Individualität. Im Bereich Stauraum dominierte hingegen weiterhin die klare Linie à la Piero Lissoni, der übrigens 2006 seinerseits das 20-jährige Bestehen seines Designbüros Studio Lissoni Associati feierte. Hochglanzlack in Weiß oder Schwarz, grifflose Fronten, präzise horizontale Volumen gaben den Ton an, und die Lowboards wuchsen als direkte Antwort auf den LCD-Boom jener Jahre mehr und mehr in die Breite. Dem neuen technischen Anspruch kamen Glas, Chrom und gebürstetes Aluminium nach, es gab aber auch Platz für Holz, das allerdings diszipliniert und gebändigt auf die Möbelbühne zurückkehrte: dunkler Nussbaum, geräucherte Eiche, fein verarbeitet, glatt geölt. Fast könnte man meinen, man spreche von einem aktuellen Trend.

Sofa Freestyle von Molteni&C. Design: Ferruccio Laviani www.molteni.it Foto: © Molteni&C.
Maskuline Kanten
Transparenz wurde zum Symbol einer neuen Leichtigkeit. Kaum ein Objekt steht so sehr für diesen Zeitgeist wie die Stühle aus Polycarbonat von Philippe Starck für Kartell, die mit ihren historischen Silhouetten aus glasklarem Kunststoff vertraut wirkten und gleichzeitig doch radikal modern. Luxus zeigte sich hier als technologische Raffinesse und damit von einer neuen Seite. Einen nüchternen, konstruktiven Kontrastpunkt setzte Konstantin Grcic mit seinen Entwürfen für Magis. Sichtbare Verschraubungen, streng geometrische Strukturen, eine fast industrielle Ehrlichkeit prägten seine Möbel. So wurde auch das Konstruktionsprinzip zum Gestaltungselement und zum Vorboten dessen, was später als Industrial Chic massentauglich werden sollte. Und es gab natürlich auch ein „Dazwischen“: Das Prinzip des „Super Normal“ gewann an Einfluss, nicht zuletzt dank Jasper Morrison, der – unter anderem für Vitra tätig – für zeitlose, unaufdringliche Formen plädierte.

Stehleuchte Twiggy von Foscarini. Design: Marc Sadler www.foscarini.com Foto: © Foscarini
Möbel sollten nicht beeindrucken, sondern bleiben. Diese stille Konsequenz wurde – ebenfalls – selbst zum Luxus. Unbedingt genannt werden müssen hier auch die Brüder Ronan und Erwan Bouroullec: Sie prägten diese Zeit der stillen Evolution des Luxus. Ihre Entwürfe verbanden Systematik mit Poesie. Leichte Strukturen, modulare Elemente und eine fast zeichnerische Sensibilität ließen Möbel filigran wirken, ohne an Funktionalität einzubüßen. Sie verstanden den Wohnraum als wandelbares Gefüge – offen, flexibel, zeitgemäß und entbunden von starren Regelungen.

Tisch Synapsis von Porro. Design: Jean-Marie Massaud www.porro.com Foto: © Porro
Asiatische Impulse
Die Mitte des ersten Milleniumsjahrzehnts war wohl auch der richtige Zeitpunkt, Ideen und Visionen aus anderen Kulturen zuzulassen und salonfähig zu machen. Anders lässt sich nämlich die Präsenz einer unverkennbaren Handschrift aus Japan nicht erklären, nämlich jene von Naoto Fukasawa. Seine Gestaltung war radikal reduziert, jedoch niemals kühl. Er sprach von „Without Thought“ – Design, das so selbstverständlich erscheint, dass es kaum wahrgenommen wird. In einer Dekade, die zwischen Hightech-Faszination und neuer Emotionalität schwankte, stellte seine Arbeit eine ruhige Mitte dar. 2006, in dem beispielsweise Tokujin Yoshioka mit seinem außergewöhnlichen Pane Chair gefeiert wurde, kürte die Zeitschrift Newsweek auch Oki Sato, besser bekannt als Nendo, zu einem der „100 most respected Japanese“. Auch er brachte, damals noch weniger bekannt, eine wohltuende Stille und Ruhe ins Design. Für dramatische Gesten und theatralische Opulenz waren andere zuständig, etwa Marcel Wanders, der mit seiner Marke Moooi mit Ornament, Ironie und überzeichneter Form spielte und fast aus dem Stand heraus zu Berühmtheit gelangte, oder Tom Dixon, der mit seinen starken metallischen Akzenten, aus denen seine Leuchten in Kupfer- oder Messingoptik mit ihren dunklen, reflektierenden Oberflächen einen Hauch industriellen Glamour in jedes noch so reduzierte Interieur brachte.

Chaiselongue Lama von Zanotta. Design: Ludovica Serafini & Roberto Palomba www.zanotta.com Foto: © Zanotta
Gelungene Mischung
Das Erstaunliche ist, dass sich 2006 all diese Strömungen scheinbar mühelos miteinander verbinden ließen: ein tiefes Modulsofa in gedämpftem Grau, ein hochglänzendes Lowboard, ein transparenter Stuhl als ironischer Akzent, vielleicht eine metallisch schimmernde Leuchte als Statement. Der neue Luxus im Wohnen definierte sich über wenige, bewusst gewählte Objekte statt einer dekorativen Fülle. Leise statt laut, beeindruckend statt arrogant: Design wurde differenzierter und materialbewusster. So entstand zwischen Reduktion und Sinnlichkeit, zwischen Technologie und Handwerk eine Ästhetik, die bis heute als Referenz gilt. Vielleicht gerade deshalb, weil sie nie um Aufmerksamkeit bat, sondern sie ganz selbstverständlich erhielt.

Sofa Kennedee von Poltrona Frau. Design: Jean-Marie Massaud www.poltronafrau.com Foto: © Poltrona Frau
Das eine oder andere Geburtstagskind kann man sicherlich auf dem Salone 2026 zwischen den vielen Neuheiten – wie etwa die zarte Chaiselongue Fillet Lounge von Living Divani, das einladende Sofa Aom von Arper oder die filigrane Stuhlserie Kumiki von Giorgetti – wiederentdecken und einmal mehr feststellen, wie die zeitlos schönen Ikonen mit eigenem Charakter in die laufenden Kollektionen und damit auch immer noch in das Jetzt passen.

Sofa Amoenus von Maxalto. Design: Antonio Citterio www.maxalto.com Foto: © Maxalto
KITZBÜHEL









