Yakisugi – Die Flamme folgt keiner festen Linie — sie reagiert, greift ein und verändert die Oberfläche, ohne sie zu zerstören. Beim Köhlen tritt die Struktur hervor, das Holz beginnt seine Geschichte zu zeigen — ein Moment, den es zu erkennen gilt, bevor aus Hitze Transformation wird.
STREIFZUG Kitzbühel | Ausgabe 59 | Sommer 2026 | Text: Carolina Marchiori
Über Millionen von Jahren hat die Natur ihre eigene Formensprache entwickelt. Mit NOA, der neuen Kollektion von Stefan Knopp, wird diese stille Intelligenz jetzt in Holz übersetzt.
Alles beginnt mit einer Beobachtung. In einem Moment, in dem Material mehr verrät, als es zeigt. Eine Oberfläche, die nicht erklärt werden will, sondern gelesen werden muss. Wer sich lange genug mit Handwerk beschäftigt, lernt, dass es nicht um Kontrolle geht. Sondern um Wahrnehmung. Stefan Knopp arbeitet genau an dieser Schwelle. Vor ihm: ein Stück Holz, oft aus dem Kern eines dreihundert Jahre alten Baumes, über Jahre getrocknet, bereits gezeichnet von Zeit. Er betrachtet es genau, bevor er beginnt. Und manchmal beginnt er mit Feuer.

Feuer als Moment, nicht als Methode
Die Flamme ist kein Werkzeug im üblichen Sinn. Sie lässt sich nicht führen wie ein Schnitt oder eine Kante. Sie reagiert, sie nimmt sich Raum. Beim Köhlen wird die Oberfläche bewusst verbrannt – nicht, um sie zu zerstören, sondern um sie zu verändern. Struktur tritt hervor, Maserung wird deutlicher, das Holz beginnt, seine Geschichte offener zu zeigen. Knopp spricht von einem Moment, den man erkennen muss – dem Punkt, an dem aus Hitze Transformation wird. Zu viel Feuer, und das Material verliert sich. Zu wenig, und es bleibt verschlossen. Was in Japan unter dem Namen Yakisugi als Schutz der Oberfläche gilt, wird bei ihm zu etwas anderem. Kein Verfahren in technischer Hinsicht, sondern ein Dialog zwischen Material und Eingriff. Feuer ist der Anfang. Danach kommen natürliche Harze – und vor allem Zeit … viel Zeit.
Jeder Baum bringt Geschichte mit
Geprägt von Wachstum, von Wetter, von Jahren, die sich im Inneren eingeschrieben haben. „Was entsteht, lässt sich nicht herstellen im klassischen Sinn. Nur begleiten. Am Ende steht kein Produkt. Sondern ein Einzelstück”, sagt Knopp.
Panal – Inspiriert von der Architektur des Bienenstocks. Die hexagonale Form folgt der Logik der Wabe — einer Struktur, geprägt von Instinkt und Notwendigkeit. Jedes Element von Panal steht für sich, entfaltet seine volle Wirkung jedoch im Zusammenspiel. Modular gedacht, ausgewogen in der Proportion, gestaltet, um zu verbinden.
Die Präzision des Blicks
Die kleinen Unregelmäßigkeiten sind keine Fehler. Sie sind Information. Knopp liest Oberflächen nicht im Sinne von Perfektion, sondern im Sinne von Abweichung. Dort, wo etwas aus der Linie fällt, beginnt es interessant zu werden. Seine Tische wirken deshalb nicht gemacht. Eher wie entdeckt. Als wären sie schon immer da gewesen – und hätten nur darauf gewartet, freigelegt zu werden. In ihnen liegt eine Ruhe, die nicht gestaltet ist, sondern gewachsen.
Balea – Dieser Tisch wurde nach dem Wal benannt. Imposant und kraftvoll, zugleich überraschend fließend. Die Tischplatte folgt der ruhigen Masse des Körpers — breit, geschwungen und weich auslaufend. Das Untergestell nimmt die Form der Flosse auf und gibt dem Objekt Halt und Balance.
Räume, nicht nur Objekte
Was zunächst wie ein sehr persönlicher Zugang zum Material wirkt, hat sich längst in einem größeren Kontext verankert. Heute arbeitet Knopp mit Architekten und Auftraggebern international. Projekte, die nicht auf Wirkung zielen, sondern auf Atmosphäre. Der Tisch markiert dabei keinen Endpunkt. Er ist ein Ausgangspunkt. Was dort beginnt, setzt sich im Raum fort – in Konzepten, die derselben Logik folgen: Materialität, Reduktion, eine fast taktile Wahrnehmung.

Neue Formen, neue Materialien
In seiner aktuellen Kollektion NOA verschiebt sich der Blick noch einmal. Die Formen werden weicher. Übergänge lösen sich. Kanten verlieren ihre Strenge. Was entsteht, wirkt weniger gesetzt – und gleichzeitig präziser. Nicht im technischen Sinn, sondern in der Art, wie sich die Form entwickelt.
Die Objekte folgen keiner klaren Geometrie. Sie orientieren sich eher an dem, was man aus der Natur kennt: Bewegung statt Konstruktion, Übergang statt Grenze. Manchmal erinnern sie an gewachsene Strukturen – an schützende Hüllen, an tragende Muster, an Körper in Bewegung. Nicht als Abbild, sondern als leise Referenz. „Ich versuche nicht, eine Form zu machen. Ich versuche zu verstehen, was schon da ist“, sagt Knopp.
Gleichzeitig erweitert sich das Material: Neben Holz experimentiert Knopp zunehmend mit Stein. Ein Material, das im Gegensatz dazu nicht wächst, sondern sich ablagert. Schicht für Schicht, über lange Zeiträume hinweg. Schwerer, dichter, ruhiger. Und doch geht es auch hier um dasselbe Prinzip: nicht etwas zu formen, sondern etwas freizulegen. Die Struktur, die Maserung – alles ist bereits da. Sie muss nur an der richtigen Stelle sichtbar gemacht werden. Was sich dabei zeigt, ist eine leise Verschiebung in seiner Arbeit. Auch wenn der Tisch weiterhin das Herzstück bleibt, öffnet sich Knopp zunehmend in Richtung Design – in neuen Materialien, in erweiterten Anwendungen, und in Kooperationen mit Partnern, die diesen Ansatz teilen und gemeinsam weiterdenken. Die Kollektion NOA ist somit nicht nur eine formale Entwicklung, sondern auch ein Ausgangspunkt: für neue Elemente, neue Zusammenhänge, neue Möglichkeiten, das Material über das Objekt hinauszudenken. Sie ist keine stilistische Erweiterung. Sondern eine Unterstreichung seiner Haltung – für das, was sich erst erschließt, wenn man gelernt hat, genauer hinzusehen.
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